Legion of Gomorra
Till Death Defeats Us

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Den Dosenöffner des neun Songs umfassenden Debüts macht das mit einem geradezu halsbrecherischen Beginn startende 'Spectre of Perception', das sich rücksichtlos seinen Weg in eine sehr eingängige Hookline stampft und schreddert, bis mit einem Schießbudengewitter die Katze aus dem Sack gelassen wird und der axtschwingende Frontmann Stefan Wieker mit einem entfernt an Opeth Mastermind Mikael Åkerfeldt erinnernden Gutturalgesang einsetzt. Auch das extreme Gekeife scheint dem Vokalisten keinerlei Probleme zu bereiten und wirkt gegen Ende hin in einem sehr positiven Sinne ganz besonders garstig.
Nicht nur durch einen anfänglich recht flotten Fuß zeichnet sich das zweite Stück 'Wail of the Forgotten' aus, denn auch die oldschoollastigen Momente machen das ansonsten als Referenz Melo Death Stück durchgehende Riffgewitter für die alte Garde zu einem regelrechten Gaumenschmaus. Die sägenden Klampfen passen hier ganz besonders gut zu der ziemlich angepisst wirkenden Stimme des Wieker-Mans. Der ruhige Mittelteil gönnt dem Publikum dann kurzzeitig eine kleine Verschnaufpause, bis es nach einem gekonnten Gitarrensolo ziemlich gemein, fast schwarzmetallisch gen Untergang geht.
Das darauf folgende 'Wave of Indifference'' wirkt zunächst rastloser und bedrückender, beinahe progressiv, ohne aber dafür Einbußen in Punkto Eingängigkeit hinnehmen zu müssen. Hier und da werden auch die Nackenmuskeln gefordert, da es außerordentlich schwer fällt der Musik nicht mit Haar und Herzblut zu folgen. Die Wechsel sitzen – und das Punktgenau, was zeigt, dass hier beileibe keine Amateure mehr am Werke sind. Auch Vertreter der alten Schule kommen wieder auf ihre vollen Kosten und dürfen dabei auch noch den mitunter episch angehauchten, aber zu keiner Zeit kitschig daherkommenden Momenten frönen. Genau so macht man das!
'Auf die Freiheit' ist nicht etwa eine Deutschrockhymne, auch wenn man das vom Titel her fast meinen könnte, sondern ein ganz schönes Schwergewicht vorm Herrn und Hirten, das mit seinen deutschsprachigen Lyrics einen guten Kontrast zum Restprogramm bildet und dabei mal ausnahmsweise nicht zum fremdschämen anregt. Die Melodielinien sind hier noch eingängiger als in den vorangegangenen Stücken, wobei diese schon alles andere als sperrig daherkamen. Mit seinem fast schon powermetallischen Frontgeballer haben wir hier einen recht heißen Bastard, der so ziemlich das Beste sämtlicher Genres in sich birgt und zugleich mehreren Anspruchsgruppen genügen dürfte.
Jede Band, die etwas auf sich hält, braucht eine eigene Hymne – Sonnenklar. und dafür ist 'Operation Gomorrah' sicherlich keine schlechte Wahl. Die Qualität passt natürlich auch im fünften Track der Langrille und selbst unter den vielen starken Stücken der Scheibe haben wir es hier mit eines der absoluten Highlights zu tun. Dieses headbangtaugliche Ungetüm schmeißt sich dem geneigten Hörer mit einem grandiosen Refrain um den Hals und verführt zum Ear-Job par excellence.
‘The Inner Hell‘ wagt sich erst vorsichtig auf das Parkett, baut sich dann langsam aber stetig auf und entfesselt schließlich einen gewaltigen Orkan, ganz wie mit dem Flügelschlag eines schönen Schmetterlings. Im Akkord rackern sich alle Beteiligten bis zur schieren Erschöpfung ab und gewinnen damit ganz zu Recht die Gunst des aufmerksamen Zuhörers. Der Sound fräst sich mit seinen abwechslungsreichen Passagen, die hier und da ein wenig auf die Bremse drücken, in den Schädel, wirkt zeitgleich sogar sehr ungestüm und frisch.
Ein weiteres Monster kündet vom Verlust der Menschlichkeit und selten hat dabei der Identitätsverlust so viel Freude bereitet. ‘Loss of Humanity‘ ist ein absoluter Killer, der im Genre seines gleichen sucht. Dieser extrem abwechslungsreiche Hassbatzen beißt einem Häppchenweise die Birne weg und verlangt darauf noch einen Nachschlag. Der Gesang erscheint hier besonders Variantenreich, hasserfüllt und interessant, nicht zuletzt durch die gedoppelten Vocals.
Zenit erreicht? Weit gefehlt, das stärkste und dabei auch emotionalste Stück der Platte ist das tieftraurig aggressive ‘Freedom War‘, das dem mit nur 17 Jahren an Krebs verstorbenen ehemaligen Frontmann Julian gewidmet ist. Die Melodien gehen durch Mark und Knochen und sprechen dabei ganz für sich selbst. Ein echtes Meisterwerk, das einem über Tage nicht mehr aus dem Kopf geht und schließlich in den letzten Song und zugleich auch Titelstück hineinfadet.
Hier wird es wieder richtig brachial. Gekonnt kombinieren die Dinslakener Melodien alter und neuer Schule, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten. Ein Schlag voll in die Fresse mit Schmerzgarantie für die Nackenmuskulatur. Man muss schon lange nach einem derart vielfältigen Stück bei gleichsam leichter Zugänglichkeit suchen, gewohnt ganz großes Kino eben.
Um ein Haar wäre es mir doch fast gelungen eine Melodic Death Metal Platte zu besprechen, ohne Bands wie 'In Flames' oder 'Dark Tranquility' als Referenz zu nennen. Aber wie Konfuzius schon wusste, sind Traditionen wichtig und so will ich auch nicht mit der Jahrtausende alten Gangart des Rezensententums brechen und stelle sogleich mal die Behauptung auf, dass unsere vier Legionäre mit 'Till Death Defeats Us' einen Silberling gegossen haben, den die benannten Flämmchen so nur mit neuem Gebiss und die Zweitgenannten mit Talent für Songs hinbekommen hätten. Diese beachtliche Leistung entschuldigt schon fast, dass Fronter Stefan seine Löwenmähne einem Schwarm Heuschrecken geopfert hat, wobei sich der Verfasser dieser Zeilen geflissentlich auch an die eigene Nase packt. Auf die Freiheit und ihren Untergang!
9/10 Punkte
Legion of Gomorra: www.legionofgomorra.com

Geschrieben von Matthes am 27.05.2013

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